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Joshuas Geburt

Am Morgen des 8. Dezembers sehe ich in den Spiegel unseres Badezimmers. So sah ich noch nie aus! Jegliche Kontur scheint gewichen, weich, offen, irgendwie mild, die Wangen rosig, voller als sonst und die Augen seltsam blass, verloren, fast etwas entrückt. Vielleicht liegt es daran, dass die Wimperntusche der letzten Tage verblichen ist. Der Bauch scheint prall, gesenkt hat er sich nicht. Heute ist der errechnete Termin für die Geburt meines Sohnes. Ich hatte noch vor einer Woche mit dem Gedanken gespielt, eine kleine Ausstellung an diesem Tag beginnen zu lassen. Ich wollte mich so oder so auf diesen Tag freuen können. Insgeheim hatte ich gehofft, dass die Geburt schon Ende November losgeht, Senkwehen hatte ich oft in den letzten Wochen; Anfang Dezember hatte ich mich resigniert zur Geduld entschlossen. Jungs werden ja gern übertragen, bei Erstgebärenden sowieso, so heißt es. Also der 8. Dezember, ein Tag wie jeder andere. Mein Liebster ist zur Montage in Tönning, also auf „Arbeit“ und ich widme mich der Kugel, die mir eher wie ein Schiff vorkommt. Ich solle mir Verabredungen, Unternehmungen auf diesen und die folgenden Tage legen, riet mir die weise Frau, meine Hebamme Ulrike Aulbach. Am selben Tag kommt sie vormittags zur Vorsorge, guckt, wie es mir geht. Sie tastet meinen Bauch ab, freut sich über meine elastische Haut, versichert mir, dass sie noch einige Zentimeter mitgehen kann. Sie wundert sich, dass der Bauch höher steht als sonst, also im Liegen. Dass das Kind lang und dünn ist, ist seit Wochen klar. Große Eltern – großes Kind. Ich frage sie, wie schwer sie glaubt, dass er sei. Sie fühlt, sieht an die Wand und sagt mit einem charmanten Lächeln, so etwa drei acht, oder so. Ich bin irgendwie beruhigt. Dass er groß ist, wussten wir beide. Ich weise sie auf mein etwas pfannkuchiges Gesicht hin, sie bestätigt, ja, weich siehst du aus. Wir unterhalten uns und verabschieden uns bis zum nächsten Mal, ich solle mich entspannen, es würde noch dauern. Meine Schwester ruft an, ihre zweijährige Tochter sei erkältet und habe Kita-frei, sie wollen mich besuchen. Erst zögere ich, wegen der Ansteckung. Doch dann... super Idee! War viel allein, die letzten Tage und freue mich auf die beiden. Sie sind meine Unternehmung für den „Stichtag“! Vanessa und die verrotzte Minou kommen mit dem Zug. Gerade zur Tür reingekommen, die Jacken abgelegt, steht Vanessa vor mir im Flur, als plötzlich ein Schwall Wasser aus meinem Schoß schwappt. Endlich!!! Die Fruchtblase ist nun endlich geplatzt. Ich dachte die letzten Wochen immer wieder, dass man es nicht merken könnte. Doch nun weiß ich, es ist unmöglich, es nicht zu merken. Gut, dass ich jetzt nicht auf meiner Ausstellung muntere Reden schwinge. Ich setze mich aufs Klo und lasse es fließen, das Fruchtwasser ist farblos und klar. Ich jubele in die Küche, wo Vanessa rumwuselt, dass es nun endlich losgeht. Ich sage meiner Schwiegermutter, die sich für einen Besuch angekündigt hatte, ab. Sie quiekt vor Freude und Aufregung. Mit einem großen Handtuch zwischen den Beinen rufe ich Ulrike an und melde status quo.

Um 15.17 Uhr – Blasensprung, kurz darauf rufe ich Ulrike an.
Ulrike: ruhig bleiben, entspannen, Kräfte sammeln, es kann jetzt 2 Stunden bis zu 2 Tage dauern.

Sie beruhigt mich, es könne jetzt von zwei Stunden bis zu zwei Tagen dauern. Ich solle mich entspannen, Wärmflasche-Bett, Kraft tanken für die Geburt und nicht wie ein Aufgescheuchtes durch das Haus hühnern. Ich freue mich, tusche mir die Wimpern und fange natürlich an aufzuräumen, rufe Christian auf seiner Baustelle an und berichte. Vanessa schnappt sich den Staubsauger und hilft Klar-Schiff zu machen. Er kann grad nicht reden und verspricht zurückzurufen. Das Fruchtwasser schwappt immer wieder nach, ich habe keine einzige Wehe, lege mich aber ins Bett, weil es im Gehen fließt. Vanessa und Minou haben Hunger. Mit Schnittchen und Apfelstücken machen wir Pick -Nick im Bett. Ich habe eine Wärmflasche im Rücken und bin gespannt, was mich erwartet. Die Stimmung ist gelöst. Christian lässt sich Zeit. Wir haben oft darüber gesprochen. Unbedingt will er die Geburt miterleben, weil ihm die körperliche Erfahrung schon während der Schwangerschaft fehlte. Die Geburt sollte unser intimer und partnerschaftlicher Akt sein, die Veränderung vom Paar zur Elternschaft einzuläuten. Wenn es nach ihm ginge, würde er sich gern anleiten lassen von Ulrike und mithelfen, das Kind zur Welt zu bringen. Das macht wohl die Landluft, denke ich. Ich glaube, dass es schon ein Unterschied ist, eine Kuh oder die eigene Frau kalben zu sehen... Gegen halb fünf ruft er an, ich sage ihm, was Ulrike mir sagte. Er ist stoisch entspannt und erklärt, dass er etwa um halb zehn Abends zurück sein wird, er müsse das Mietauto abgeben und sich `rumfahren lassen. Okay. Ich wundere mich über seine Gelassenheit, bleibe bei mir und merke wie sich die Aufmerksamkeit für mein Inneres schärft. Wieder muss ich auf die Toilette. Ich lauere auf Bewegungen in meinem Bauch, mit Erfolg. Baby scheint es auch mit weniger Wasser gut zu gehen. Wir drei bis vier lümmeln im Bett, Sistertalk, Schwangeren-Fotos gucken auf dem Rechner und Babybauch-Kuscheln mit meiner Nichte. Ein leises Ziehen macht sich in meinem Unterbauch und im Kreuz immer mal wieder bemerkbar, wie Menstruationsbeschwerden, nicht mehr. Ich gehe auf die Toilette und pinkele, wieder ein Gemisch mit Fruchtwasser und dieses Mal gibt es frischrotes Blut. Wie die Hebammen sagen, es zeichnet. Ich blute leicht.

Um 18:15 Uhr rufe ich Ulrike zum 2. Mal an – Zeichnung.
Ulrike: ruhig bleiben, der Muttermund öffnet sich, es geht also voran, gegen 22 Uhr wieder anrufen, status quo melden, sie will früh schlafen gehen, damit sie fit ist, wenn’s nachts losgeht.

Sie erklärt: Der Muttermund öffnet sich, daher das Blut. Unsicher frage ich, wann ich sie wieder anrufen solle. Ich bin aufgeregt. Sie glaubt, wir haben noch Zeit. Sie wolle sich früh schlafen legen, damit sie fit ist, falls es in der Nacht losgehe. Ich solle sie gegen 22 Uhr noch mal anrufen und sagen, wie es aussieht. Um halb sieben scheucht mich die erste ernstzunehmende Wehe aus unserem Wohnbett-IIdyll. Ich werde unruhig. Die Säugetier-Natur setzt sich durch. Ich kann nicht mehr liegen, laufe im Haus umher, vom Klo in die Küche, wechsele das Handtuch, erleichtere meinen Darm, laufe in Christians Arbeitszimmer, sehe in den Spiegel und halte kurz inne, der denkende Mensch meldet sich zurück: ich finde es total abgefahren, dass genau jetzt das Abenteuer beginnt, unausweichlich rollt es auf mich zu. Auf meinen Renn-Strecken schimpfe ich vor mich hin, dass das Haus viel zu klein, zu eng ist. Ich suche nach Stiefeln, will in den Garten, brauche Platz. Da wird es plötzlich heftig. Die Wehe zwingt mich in die Kniee auf den kalten Küchenboden, der wie eine Wohltat Realität vermittelt. Minou will auf Mamas Arm. Meine Schwester erklärt mit fester Stimme, dass nichts Schlimmes passiert. „Vivi bekommt jetzt ihr Baby.“ Die Wehe geht. Vanessa und ich sehen uns mit lachweinenden Augen an. Ich bin überglücklich, dass sie da ist. So wird doch wahr, was ich mir ursprünglich gewünscht hatte. Ich war bei der Geburt ihres Kindes dabei und sie sind es jetzt beide bei meiner. Minou sieht mich irritiert an, ich verpiesele mich ins Bad. Vanessa ist etwas beunruhigt, akzeptiert aber, dass ich mich zurückziehe. In den Wehenpausen reicht sie mir Wasser und fragt, was sie tun kann. Wir sprechen-als wär nix los-in den Pausen über ihre Geburt und Parallelen zu dem, was jetzt hier passiert. Ich genieße die Aufregung und wenn ich nicht gerade wehe, freue ich mich unbändig, bald den Kleinen in den Händen zu halten. Die Kontraktionen werden stärker und kommen häufiger... die Gespräche mit Vanessa werden kürzer. Ich rufe die Hebamme an und gebe endgültig das Signal, dass die Geburt beginnt und er wohl abends schon da sein wird. Ulrike sagt irgendetwas beruhigendes, habe vergessen, was. Wichtig war, dass sie essen wird und dann losfährt. Das Kind sei groß und ich Erstgebärende und das dauere erfahrungsgemäß immer länger als erwartet.

Um 18.40 Uhr rufe ich Ulrike zum 3. Mal an – unregelmäßige Wehen.
Ulrike beruhigt mich, sagt dass sie noch zu Abend äße und dann losführe (1,5 Std.)

Obwohl ich den Aufruhr in mir spüre, spreche ich ruhig und vertraue ihrer Einschätzung. Ich lege auf und gehe wieder ins Bad, weil die nächste Wehe anrollt. Vanessa kommt rein und sieht mir durchdringend in die Augen. Bist Du sicher, Vivian, dass du noch so lange aushältst? Sie findet die Wehen zu heftig, um noch eine volle Stunde auf Ulrike zu warten. Ich fühle in mich hinein, bin unschlüssig und sage, sie solle entscheiden, sie habe die Erfahrung, geboren zu haben. Sie ruft Ulrike an und verdeutlicht Dringlichkeit. Sie hört mich im Hintergrund.

Um 18.45 Uhr ruft Vanessa Ulrike an – regelmäßige Wehen in kurzen Abständen.
Vanessa: es geht los!!! nicht essen, bitte gleich losfahren (1/2 Std.) Ulrike: hat es sich schon gedacht und fährt gleich los.

Die Wehen kommen nun alle fünf Minuten, das Kind schiebt und schiebt. Ich versuche ihn zu bremsen, durch gutes Zureden und körperlichen Gegendruck, da ich doch so gern seinen Papa an meiner Seite gehabt hätte. Ich halte meine Hand vor meinen Venushügel, ich spüre hinter meinem Geschlecht den Druck des Kinderkopfes in meiner Hand. Der Druck gen Ausgang wird so stark und eindeutig, dass ich mich von dem Gedanken, die Geburt mit meinem Mann zu erleben, verabschiede. Loslassen heißt diese Lektion. Okay. In einer der Windstillen ruft mein Vater an, Vanessa fragt durch die geschlossene Tür, ob ich ihn sprechen möchte. Ja, schnell, bevor es weitergeht. Ich sagte ihm, dass alles okay ist, dass die Fruchtblase kurz nach drei geplatzt ist, dass ich mittlerweile Wehen habe und dass er auf gar keinen Fall!!! losfahren solle. Ich rufe ihn an, wenn das Kind da ist. Ich muss aufhören, es geht weiter. Ich muss lachen, kleinen Moment bitte, ich gebäre! Ich schicke die beiden aus dem Bad, schließe hektisch die Tür und gebe wieder am Boden kniend Hirsch-Kuh-Brunft-Laute von mir. Die Wehen empfinde ich nicht wirklich als Schmerz, ich weine nicht, es ist eher ein gewaltiger, nicht zu beschreibender Druck, der von innen, durch den Körper geht. Ich knie auf dem dünnen Badezimmer-Teppich. Der harte Boden ist angenehm, gibt Gegendruck und Halt. Ich spüre das Fruchtwasser-feuchte, zusammengerollte Handtuch leicht an meinem aufgeregten Kitzler. Während der Wehe bewege ich mich im Knien vor und zurück und fühle gleichzeitig den gewaltigen Druck von innen. Naturgewalt küsst Lebenslust, fühle mich sehr präsent. Vanessa, flink und engagiert, bereitet alles vor, was sie dem Geburts-Vorbereitungszettel in der Küche entnehmen kann. Sie bezieht das Bett mit der Maler-Folie und mit einem alten Laken darüber, breitet Laken im Schlafzimmer aus, kocht den starken Espresso, packt die Handtücher zum Vorwärmen in den Ofen und nebenbei gibt sie ihrer Tochter das Gefühl, dass alles ganz normal ist. Ich bin immer noch im Badezimmer. Wenn der Druck sich aufbaut, beginnt mein Herz heftig zu schlagen. Ich atme tief und langsam, beruhige mich und sage mir, dass ich jetzt nicht zusammenklappen darf, dass ich bei vollem Bewusstsein bleiben und Haltung bewahren will. Ich atme, gehe mit, nicht gegen, versichere meinem Sohn, dass wir heil und sicher sind. Es ist wichtig, dass ich allein mit all dem bin. Und wieder werde ich laut, sage „Ohhh“ und „Ahhhh“, und so was wie „Brrrrrrrruaoh“, versuche mich in den Druck, der sich durch meinem Körper schiebt, hinein zu entspannen, mich hinzugeben. Es klingt absurd, aber funktioniert.

Um 19.55 Uhr ruft Vanessa Ulrike zum 2. Mal an – Wehen werden heftig.
Vanessa: wie lange brauchst du noch?? Vivi sagt, der Kopf kommt bald raus. Ulrike fährt und hilft zur Not per Telefon, du hast doch Erfahrung, Vanessa!

Währenddessen erinnere ich mich an das Gespräch vor Wochen mit Ulrike über den Dammschutz. Ich hatte noch lebhaft das Bild von der vor Vanessa hockenden Hebamme vor Augen, die kunstvoll mit dem kleinen Finger, den Kopf durch die Öffnung gebracht hat. Ulrikes Antwort war ernüchternd und hatte mich zuerst erschreckt. Sie warf mich auf mich selbst zurück. Ich wollte lernen. Also: Der beste Dammschutz sei ein gutes Gefühl zum eigenen Körper und ein sanftes Mitgehen mit dem Druck und! ... warme Kaffee-Kompressen. Die Wärme und das Koffein unterstützen die Durchblutung und machen das Gewebe nachgiebiger. Es ist so weit. Die Dehnbarkeit des Gewebes wird gefordert. Ich bitte Vanessa, mir ein Handtuch mit Espresso zu reichen. Sie steht mit einem riesigen, zusammengefalteten Badehandtuch, in der Mitte dunkel benetzt, in der Tür. Ich protestiere und bitte sie mir ein kleines Küchenhandtuch zu geben. Sie weigert sich, weil die Küchenhandtücher nicht sauber seien. Ich fahre sie an, dass sie nicht mit mir diskutieren soll, der Schmutz in unserer Küche sei egal. Kurz darauf erscheint sie mit einem handgewaschenen Küchenhandtuch voller warmen Espresso. Ich bin dankbar und halte während der nächsten Wehe das warme Tuch gegen meine sich spannenden Labien. Dieser Druck wächst nun doch zu echtem, brennenden Schmerz heran.

Um 20.05 Uhr ruft Vanessa Ulrike zum 3. Mal an – Vivian hat Pressdrang.
Vanessa: die Geburt ist in vollem Gange, wann bist du da? Ulrike gibt Vollgas.

Wie soll ich mich dahinein entspannen, frage ich mich. Die Haut dehnt sich doch nur bis zu einem gewissen Limit. Wie bekomme ich den Apfel durch das Nasenloch geschoben??? Ich kämpfe mit dem Widerstand in mir, den Schmerz zuzulassen, mich - wenn es sein muss - meinem Sohn zu Liebe zerreißen zu lassen und frage mich, ob Ulrike es rechtzeitig schaffen wird. In meiner Hand spüre ich den sich dem Ausgang nähernden Schädel, unaufhaltsam, ich will ihn sehen! Ich halte Kontakt, ich spreche zu meinem Sohn, laut und bestimmt: Lass mir noch etwas Zeit! Und dann noch: Langsam, langsam! Kurz fällt mich Panik an, habe Angst davor, allein zu sein - weder Christian noch Ulrike - und dass mich der Druck wirklich zerreißen wird. Wieder ein heller Moment gibt mir Haltung und meine Selbstsicherheit zurück. Ich erinnere mich: Angst ist nicht der Weg, sondern Vertrauen. In mich, in die Natur, in das Kind, in meine Schwester und darin, dass alles so ist, wie es gut ist und dass ich das Alles genau so wollte. Der Entschluss zur Verantwortung gibt Kraft.

20.25 Uhr Ulrike kommt an.

Endlich wummert es entschlossen an der Tür. Ulrike ist da. Sie packt ihre Sachen aus, zieht sich um, strafft ihre grau-schwarzen Squaw-Haare zu einem strengen Dutt und merkt schnell, dass ich kurz vor dem Abwurf bin. Mit ruhiger, fast leiser Stimme fragt sie mich, ob ich nicht in das gemütliche Schlaf-und Geburtszimmer gehen möchte. In mir tobt es, ich höre sie kaum. Ich möchte nicht, hier kann man die Tür schließen, ich denke an Minou, es reicht dass sie mich hört. Wenn es ihr nichts ausmacht, würde ich gern hier bleiben, in dem kleinsten Raum unseres ach so kleinen Zu-Häuschens. Okay, wie Du willst. Sie stellt den Gebärhocker neben mich unter das Waschbecken und legt eine Plastikunterlage unter mich. (Der Gebärhocker ist ein etwa 30cm hoher Hocker, der eine halb offene Klobrille als Sitzfläche hat.) Ich lasse die nächste Wehe kommen. Ich gebe Laut, ich hatte mich zur Hingabe entschlossen. Ich kralle mich an den Badewannenrand, lehne jegliche Besserung meiner „Arbeitsbedingungen“ ab. Ich will nicht umziehen, kein Kissen, keine Decke für die Knie und als mich Ulrike unterstützend im Arm halten will, weise ich sie zurück, das sei mir zu nah. Sie akzeptiert und ich mache weiter. Ich konzentriere mich auf das, was der Moment von mir verlangt, und darauf, dass der Druck sich langsam aufbauen kann und ich genau im richtigen Moment entspanne. Sie reicht mir eine neue Kompresse, die ich in der Wehenpause wechsle. Ich will den Gebärhocker ausprobieren, Ulrike stellt ihn vor mich, richtet ihn aus, bis er gerade ist. Sie erklärt, dass das wichtig für die Muskulatur und die Dehnung ist, dass sie symmetrisch passiert, die Regeneration sei leichter dann. Klingt einleuchtend. Ich setze mich auf diese halbe, hölzerne Klobrille und schiebe mit der Wehe gefühlvoll langsam den Kopf in meine Hand. Mann, was für ein Druck!!! Ich sehe nach unten, will mitbekommen, was passiert, halte die ganze Zeit meine Hand vor mein Geschlecht und spüre nach innen. Obwohl ich nicht aufhöre, meinem Sohn Einhalt zu gebieten, geht es schnell. Der Kopf ist mit einem Kreis von Fünf-Zentimeter Durchmesse an Erdenluft, er hat Haare! Ich erzähle aufgeregt und irgendwie lachend, dass meine Mutter sehr lange auf meine Haarpracht hat warten müssen. Prompt die nächste Wehe, der Kaffee duftet und die Kompresse, die ich vor mich halte, tut extrem gut. Der Schmerz in dem sichtbaren Teil meines Geschlechts ist fies. Der Hocker hilft dem Druck nach unten, die Schwerkraft auch und dann habe ich plötzlich den Impuls aufzustehen und mich zu bewegen. Darf ich? Alles, was gut tut. Okay, wie im Tanz oder beim Sex, schüttele ich mein Becken kräftig in kurzen Bewegungen hin und her. Er soll sich zurechtrütteln, die angespannte Muskulatur soll sich etwas lockern. Ich weiß, dass ich dem Kind damit nicht schade, er ist stark und hat sich gern und oft im Bauch bewegt, bis zum Schluss. Ich schiebe mit der nächsten Wehe -Der halbe Kopf kommt zum Vorschein. Im Hebammen-Jargon krönt der Kopf.

Um 20.35 Uhr „Krönung“ 2-3 Wehen lang, bis zur Stirn geboren.

Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes offen, staune über den Anblick und atme tief ein und aus. Jetzt, bitte schnell die nächste Wehe! Der Puls meines Sohnes ist stabil, völlig unbeeindruckt scheint er seiner Mutter zu vertrauen. Der Dehnungsschmerz ist jetzt maximal und da kommt sie, die letzte Wehe.

Um 20.44 Uhr wird in einer Wehe ein rosiges Baby geboren.

In einem Schwupp rutschen Gesicht und Schultern aus mir raus; der schlanke, lange Körper hinterher. (Michel Odent würde dies wohl den „natürlichen Auswurfreflex“ nennen.) Ich bin überwältigt, halte mir die Hände vor den Mund und versuche zu erfassen, was ich sehe. Von dem einen zum nächsten Augenblick vereint sich alles... Freude, Rührung, Glück, Erlösung, Euphorie und alles dran an ihm, an meinem Sohn! Nur die Ohren sehen seltsam aus, als lägen sie im Kopf. Er hat sie ergo-oder aerodynamisch? angelegt. Musste er ja, wenn seine Mama derart Gas gibt, interpretiert Ulrike später.
Vor mir liegt mein Sohn! Rosig, gesund und sehr lebendig; er schreit, das kleine Haus atmet erleichtert auf: Er ist geboren. Verunsichert von dem Rauschen der Gefühle frage ich, ob Ulrike ihn mir reichen kann. Ich könne ihn selbst nehmen, die Nabelschnur sei kurz, aber lang genug, um ihn aufzunehmen. Vorsichtig greife ich nach dem neuen Wesen, lang ersehnt und voller Liebe erwartet. Endlich halte ich ihn vor mich ... in meinen Händen. Wackelig gehen wir in das warme Schlafzimmer. Wir legen uns ins frische Bett, der Kleine liegt auf meinem Bauch, länger ist die Schnur nicht. Vanessa und Minou kommen gucken, Minou sagt immer wieder Baby! Baby! Sie streichelt sanft über die neue Haut. Es ist feierlich, ruhig und unbeschreiblich. Dann klingelt das Telefon: Christian! Vanessa reicht mir den Hörer, ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll. Aufgeregt - ich bin es auch! - sagt er, er sei jetzt durch den Elbtunnel durch und gleich da... ich stocke und mit einer beschämten Fülle im Herzen sage ich, Christian! ... der Kleine ist schon da ... und liegt auf meinem Bauch. Nein! ruft er, Nein! - und wieder diese zeitgleiche Ambivalenz der Gefühle, Freude, Trauer, Enttäuschung, Erleichterung. Die Freude überwiegt. Ich freue mich, ihn zu sehen, bin glücklich, erstarkt, erschöpft und voller Liebe. Der Kleine liegt auf mir, die Nabelschnur pulsiert noch. Wir warten auf Christian.

Um 21.10 Uhr trifft die zweite Hebamme, Isabelle Nini ein.

Isabelle, die zweite Hebamme trifft ein. Es ist die Regel, dass zur Geburt zwei Hebammen anwesend sind. Isabelle versucht das Kaminfeuer zum Brennen zu bringen.

Um 21.15 Uhr fahren Christian und mein Schwager zeitgleich auf den Hof.

Endlich! Christian kommt nachhause, von der Baustelle in dieses feierliche, kleine Haus. Ein krasser Wechsel wird ihm abverlangt. Wir sehen uns in die Augen und sind für einen zeitlosen Moment nur noch wir zwei, jetzt drei. Das Band zwischen uns strömt. Er begrüßt uns, küsst mich und entfacht das Feuer im Kamin. Er wäscht sich die Hände, um als väterlichen Akt die Nabelschnur zu durchtrennen. Sie ist mittlerweile auspulsiert. Ulrike klemmt sie ab, und Christian durchschneidet den zähen Wurm, der neun Monate lang meinen Kreislauf mit dem des Kindes verband. Christian zieht sich die staubigen Klamotten vom Leib und legt sich in Unterhose zu uns ins Bett. Die Plazenta ist noch in mir. Mein Mann legt sich seinen Sohn zum ersten Mal auf seine Brust. Das Bild meißelt sich mir ein. Ich soll noch die Plazenta gebären. Sanft ruckelt Ulrike an der Schnur, damit ich fühle, woher, wohin ich schieben muss. Ich schiebe. Ein Schneeballgroßer Blutagel ploppt aus mir heraus-das war leicht. Nee, das war sie nicht. Ich stelle mich auf alle viere und gebäre einen dicken Teller voll von rot gekräuseltem Gewebe, ein massives Teil. Ulrike bemerkt, neben dem, dass sie vollständig und prall ist und dass die Ei-Häute vorhanden sind, dass die Plazenta die Form eines Herzen habe. Ich sehe es, in der Mitte, wo die Backen des Herzen zusammenkommen, prangt ein Eurogroßes, weißes Fettgebilde. Sichtlich gut genährt, der junge Mann! Und von Herzen gern! Neugierig fassen wir alles an.
Jetzt lassen sie uns allein, verschwinden in die Küche. Ich lege das große Baby in die Nähe meiner rechten Brustwarze. Und so, als täten wir den ganzen Tag nix anderes, schnappt der Kleine sich meinen Nippel und trinkt zum ersten Mal von meiner Brust. Ich bin happy, meinen Sohn zu nähren, bin gerne seine Quelle. Es klappt, die andere Seite auch... wir sind Naturtalente, toll! In der Küche ist es wieder wuselig, Vanessa guckt um die Ecke und fragt, ob der Sekt im Kühlschrank für diesen Moment bestimmt ist. Ja!? -warum nicht? Kurz darauf stehen alle Mann um das Bett herum, ich fühle mich wie eine Königin. Ulrike, Vanessa, ihre Tochter, ihr Mann, Isabelle, Christian und ich, wir stoßen an und heißen den neuen Erdenbürger würdig willkommen. Artig lehne ich ab. Ist gut für die Milchbildung, kommt zurück. Na dann, her damit! Happy Birthday! Ich bin stolz, auf mich, auf meinen Sohn und meine Schwester... alles ist gut.

23.00 Uhr Vanessa, ihr Mann und Minou begrüßen und verabschieden Joshua und fahren los.

Ich bedanke mich bei meiner Schwester, ihre Anwesenheit und meine Vertrauen in sie oder uns waren wohl der Startschuss. Sie war eine feine, mitfühlende Begleitung, voller Ruhe und ganz Mutter. Zur Not hätten wir das Kind allein geschaukelt... sie fahren zurück nach Hamburg.
Ulrike untersucht den Kleinen. Er wird gewogen und gemessen, ist entspannt und wohlauf. 57cm groß, Kopfumfang von 38cm und das Gewicht: da habe ich dann doch geschluckt und gestaunt, er ist ein sauschwerer Brocken von 4740 Gramm. Gut, dass sie mir diese Information, wenn auch nur geahnt, am Morgen dank einer kleinen wohl verantworteten Lüge erspart hat. Es hätte mich wahrscheinlich beeinflusst und gehemmt, obwohl es nur Zahlen sind.
Im Verhörscheinwerferlicht werde ich untersucht. Sie sehen nach, ob ich in irgendeiner Weise verletzt bin. Der Damm ist heil und im Inneren der Schamlippen sind oberflächliche Schürfungen. Ulrike fragt, ob sie nähen soll oder ob ich ein Brennen beim Wasserlassen in den nächsten Tagen in Kauf nehme, dann würde es auch so verheilen. Ich entscheide mich gegen die Naht. Ich soll vorerst nur unter lauwarmen Wasser pinkeln, das verdünne die Harnsäure und brenne weniger. Wackelig nehme ich meine erste Dusche, als Mutter. Der schwere, runde Bauch ist eingefallen und die Balance hat sich geändert. Alle Muskeln im Inneren meines Rumpfes sind eine einzige Marathon-gestretchte Verspannung und zudem hat der Kreislauf mit der Versorgung zu kämpfen. Ich soll versuchen zu pinkeln, um zu sehen, ob es klappt. Es brennt, ist aber zu ertragen. Vorsichtig wasche ich mich. Ich würde gern nachsehen, wie ich in meinem Genital aussehe, verschiebe das auf die nächsten Tage. Schnell will ich zurück in die Horizontale, der Kreislauf kommt nicht hinterher, ein wattiges Gefühl überschwemmt mich kurz. Isabelle führt mich zurück, Ulrike steht auf dem Bett und hält lächelnd meine Beine hoch, kurz darauf höre ich wieder klar. Erschöpft, euphorisiert und endlos glücklich - mehr geht nicht!! - sinke ich mit meinen beiden Liebsten in die Kissen. Die Hebammen lassen die junge Familie zurück.

Um 00.15 Uhr fahren Ulrike und Isabelle ab.

Joshua, geboren am Montag, den 8.12.2008 um 20.44 Uhr.

Hier, die Daten fürs Baby-Quartett:
57 cm,
4740 g,
38 cm Kopfumfang und alle Tests der U1 mit voller Punktzahl bestanden.
Jippppieh!


Und sonst so ...

Hausgeburt und Krankenhaus

Dass ich mein Kind zuhause gebären wollte, war in ziemlich früher Schwangerschaft klar. Im eigenen zuhause schien mir die Umsetzung meiner idealen Geburt am ehesten zu gelingen. Gewohnte Ästhetik der Umgebung, selbstgewählte Gerüche, keine Unterbrechungen durch Fahrten oder Untersuchungen, keine Fremden, keine blöden Fragen, körperbekannte bzw körpereigene Keime und ich bin der Chef in meinem Zuhause. Trotzdem habe ich, das ist Pflicht, mir verschiedene Krankenhäuser angesehen. Man muss sich für den Fall der Notfallverlegung vorzeitig anmelden, damit es dann schnell gehen kann. Pro Forma habe ich Tage der offenen Türen wahrgenommen und mich informiert. Mich störte der Geruch, mein erstes gelerntes Fremdwort: Desinfektionsmittel, die professionalisierte Fürsorge, die funktionalen Räumlichkeiten und die Fragen der ängstlichen Mit-Mütter: “Ab wann kann ich eine PDA bekommen?“ Arrogant schlage ich vor: Jetzt gleich?!
Gen Ende der Schwangerschaft wird frau mit den verschiedensten Geburts-Stories behelligt, die wenn man genauer hinhört, mir in den wenigsten Fällen ideal erschienen. Für mich war klar: Ich wollte keine Schmerzmittel nehmen und keine gut gemeinten Ratschläge hören von irgendjemanden der 1000 Geburten in katalogischem Denken erfasst und meinen Körper ein einziges Mal zudem im Ausnahmezustand zu Gesicht bekommen hat. Immer wieder habe ich visualisiert, wie für mich die Geburt ideal verläuft, von A bis Z.

Die ideale Geburt

Die Geburt ist nach einer harmonischen Schwangerschaft die erste bedeutsame Schwelle, die zwei Wesen nach der innigsten Beziehung, die Mensch haben kann, gemeinsam überschreiten. Ich wollte bei klarem Bewusstsein sein und mit einem guten Gefühl für mich und mein Kind, meinen Sohn auf die Welt bringen. Ihn wach und aufmerksam begleiten durch Dunkelheit und Enge. In maximaler Purheit wollte ich spüren, was sich die Natur bei diesem Wunder „gedacht“ hat. Die Einheit entsteht aus den zwei verschmolzenen Polen im Mutterleib, wächst heran. Mit der Gewalt der Geburt geschieht die erste gravierende Wandlung. Das Kappen der Nabelschnur ist die nächste, die Einheit bleibt. Im Stillen sind Mutter und Kind immer noch symbiotisch, doch von Tag zu Tag entfaltet ein zweites Wesen sein Eigensein. Ich wollte diese Nähe erfahren, wollte sie in allen Schritten erleben und das Vertrauen in mir wachsen sehen und geben.
Meine eigene Geburt war dramatisch anders und weit entfernt von meinem Ideal: „Steißgeburt“, man hat meine Mutter und mich per Kaiserschnitt auseinanderoperiert. Narkotisiert, geschnitten und genäht liegt die arme allein in einem Raum, während der stolze Vater und Jungmediziner mit dem entnabelten Kind durch die Neonbeleuchteten Krankenhausflure huscht, um seinen Sprössling mit Kollegen zu bewundern. Ich kann damit leben, finde diese Art aber nicht wünschenswert und will in gar keinem Fall die alten Muster wiederholen.
Die sanften und auch gewaltigen Übergänge und Veränderungen innerhalb der Beziehung, Mutter-Kind, bewusst mitzuerleben, sie zu begreifen und daran zu wachsen, sind für mich die intimen Geschenke des Mutterseins, wichtige Schritte zur Menschwerdung. Die Schwangerschaft ist eine spannende Zeit. Frau wandelt sich, wird Zeuge und Trägerin eines Wunders, der Entstehung neuen Lebens. Das ist doch der helle Wahnsinn! Und gen Ende der Schwangerschaft freute ich mich zunehmend, nach dem neun Monate währenden WIR, auf die Entstehung eines Ich und Du. Wieder unterscheiden zu können, zwei Herzen, zwei Köpfe, zwei Lebensimpulse und ein waches Lernen voneinander.

Michel Odent

Ob ich mein Ideal von Geburt umsetzen kann, wusste ich noch nicht. Es gab eine Menge über Schwangerschaft und Geburt zu lesen, wovon ich vieles schwachsinnig und fehlgeleitet fand. Das wichtigste Buch für mich schrieb der französische Arzt Michel Odent, der in den 70er Jahren versucht hat die natürliche Geburt im Bewusstsein der Allgemeinheit zu rehabilitieren. Tolles Buch! Danach meinte ich, nur eine Höhle zu brauchen, ein Erdloch, ein Stück Baumrinde zwischen den Zähnen und zurück käme ich mit Kind im Arm.
Jetzt kam es nur noch darauf an, die richtige Hebamme zu finden oder sich von dieser finden zu lassen...

Die richtige Hebamme

Die Entscheidung habe ich mir nicht besonders leicht gemacht. Hausgeburt - das war von Anfang an klar. Nur in der Art, wie meine Hebamme sein sollte, war ich mir gänzlich unsicher. Ich dachte ursprünglich, dass ich eine starke Führung brauchen würde. Eine Frau, die sich gegen mich durchsetzt, wenn ich unter Schmerzen zickig werde und mir sagt, wo es langgeht, wenn ich strauchele. Ich hatte mich unterschätzt... wer konnte das ahnen...:) Andere Hebammen anzusehen, machte es noch komplizierter. Vier Frauen habe ich getroffen, eine von ihnen war Ulrike. Sie war sehr zurückhaltend und höflich, ich war mir unsicher, obwohl eine Bekannte mit ihr geboren hatte und immer wieder „Himmlisch!“ in ihrer Beschreibung verwandte. Dann kam der Schlüsselmoment. Ulrike erzählte von einer Frau, die von ihr erwartete, dass Ulrike diejenige sei, die mit der Lampe vorweg gehe und der Gebärenden den Weg leuchte. -Nein! Weit gefehlt!-Ich bin heilfroh, dass ich Ulrike getroffen, und dass ich sie verstanden habe. Sie sagte: Die Frau, die das Kind auf die Welt bringen will, gibt die Richtung an, entscheidet, was sie will; die Natur der Frau sei zum Gebären gemacht; die Hebammen seien besten Falls nur dabei. Das war es. Plötzlich wusste ich, was ich lernen wollte. Dass „meine Hebamme“ eine so schöne und kluge Frau ist, kann nur glückliche Fügung genannt werden. Von „so einer“ lerne ich gern! Ulrike ist am selben Tag, wie ich geboren... Zwei Steinbock-Damen lassen sich von ihren Gipfeln herab, für Momente einen Standpunkt zu teilen, das kann nur Gutes verheißen.
Alles, was sie mir bei den wenigen Treffen vorher erzählt hatte, konnte ich annehmen, einbauen, hörte und fühlte sich gut und richtig an. Zudem stimmte es mit dem überein, was ich wissen wollte, sowohl vom Informationsgehalt, als auch von der inneren Haltung ... zum Gebären, zur Natur, zum Frausein. Während der Geburt war das abrufbar, ich habe mich erinnert. Die Treffen mit Ulrike hatten mich in dem unterstützt, bestärkt, was ich richtig finde. Zeitlos richtig und natürlich wahrgenommen. Ich bin Ulrike sehr dankbar, obwohl sie „nur die letzten 20 Minuten“ der Geburt bei mir war, hat sie mich wundervoll begleitet. Ich durfte meine Geburt erleben, wie ich es mir gewünscht hatte. Voller Vertrauen in meine Kraft, in die Natur, selbst bestimmt, bei vollem Bewusstsein und frei meinen Impulsen folgend. Es war die Traumgeburt. Ich habe aus eigener Kraft geboren... und ich wurde nicht -wie so viele sagen- entbunden.

Himmel und Erde

Selbst nach 700 Geburten spricht Ulrike davon, dass sich immer noch weitere Ebenen des Verständnisses öffnen. Ich habe nur diese eine erlebt und bin erstaunt, was das so erzählt in mir. Archaisch gesehen, habe ich mich einfach auf die uralten Kräfte berufen, die dunklen der Erde und die hochstrebenden des Geistes. Das war das, was ich mit Hingabe einerseits und Kontrolle andererseits meinte. Die Urmutter ist im Gebären voll präsent und der Himmel, unsere Ideale, wirken so stark wir daran glauben.
Ich nenne sie die Mutter der Meere, die große Ahnin, Ulrike nennt sie die Mondin. Ich glaube, sie war es, die ihr erlaubt hat, mich wissentlich mit dem Gewicht zu beschummeln...:) Vor ein paar Jahren habe ich mit einer befreundeten Heilpraktikerin und Geomantin die verschiedenen Qualitäten der Weiblichkeit erfühlt und künstlerisch bearbeitet. Die weibliche Dreifaltigkeit ist ein uraltes, archaisches Muster für die natürlichen Prozesse des Lebens von Werden, Sein und Vergehen. Jede der drei kann bestimmten Farben zugeordnet werden: weiß, rot und schwarz. Die Knospe, die Blüte und der Übergang, die Wurzel. Die drei Göttinnen im archaischen, intuitiven Weltbild sind unbeeindruckt der Polarisierung der Patriarchen zu verstehen, fernab der christlichen Spaltung von Hure und Heilige. Die drei Göttinnen vereinen alles, was Frausein ausmacht. Witzigerweise waren sie am Tag der Geburt ganz real, zudem ideal! besetzt, von den drei großartigen, weiblichen Wesen, die am 8. 12. 2008 mich jede auf ihre Art begleitet haben: Ulrike, meine Schwester und meine Nichte. Ulrike, die schwarze Göttin, die die Schwelle zwischen leben und sterben kennt und schon viele darüber geleitet hat, Vanessa die rote Göttin, im Vollbesitz ihrer strotzenden Lebens-und Gestaltungskräfte und die kleine Minou, die weiße Göttin des Frühlings, voller Begrüßung, die noch alle Schöpfung vor sich hat. Unter ihrer dreier Obhut habe ich den Götterknaben auf die Welt gebracht. Auf ein Neues! Aus dem Wunder der Frau heraus! So, wie ich es wollte, ist mein Sohn in die alteneue Welt geboren. Dank der großen Ahnin! Dank meines Glaubens an mich selbst und an meine Verbindung zu der alten Welt.
Wenn das nicht rund ist, weiß ich auch nicht... Voller Dankbarkeit, Liebe und irgendwie stolz freue ich mich auf alles, was da noch so kommen wird.

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Gedanken zur Hausgeburt von Liza C.

Wir haben unser 2. und 3. Kind Zuhause geboren - das 2. im Stehen, das 3. im Wasser. Das 1. Kind kam ambulant in einer Art Geburtshaus.
Kinderkriegen gehört für mich nach Hause! Wer will schon Gebären mit Krankheit verbinden? Ich finde es unglaublich, dass die Krankenhäuser es in 100 Jahren nicht geschafft haben, wenigstens den Bereich, wo Babies zur Welt kommen, umzubenennen... wie krank!! Wie schön muss es für ein Hausgeburtskind sein, wieviel individueller, später einmal sagen zu können, "in diesem Haus bin ich geboren worden!" Vertraut man sich zur Geburt einem Krankenhaus an, so muss man wissen, worin sie ihre eigentliche Aufgabe sehen, nämlich im einGREIFEN, im medizinisch beHANDELN, machen & tun, nicht abwarten und erwarten. Das was gelernt wurde, und was an technischen Möglichkeiten vorhanden ist, will auch angewendet werden! Es geht oft nicht erst in zweiter Linie um Zeit und Geld. Durch die grosse Menge an Gebärenden verkommt die einzelne Frau zu einer ´Nummer´.
An sich fühlt man sich doch nirgends wohler als in seinem Zuhause. Würde man im Krankenhaus Sex haben wollen? Gebären hat viel damit zu tun! Gerade was das Paar angeht, kann man sich zuhause viel leichter gehen und fallen lassen. Dazu braucht man natürlich eine Hebamme, der man vertraut und in deren Gegenwart man sich wohlfühlt. Der Gedanke, im Krankenhaus zu gebären, ist für mich genauso unvorstellbar, wie nackt zum Einkaufen zu gehen, und das nicht aus Angst oder Scham. Diese ewige Panikmache der Ärzte langweilt mich ganz ungemein. Die Vorsorgeuntersuchungen mit ihren entfremdeten CTG´s und Ultraschalls...
Wie schön ist es dagegen, wenn man seine Vorsorgeuntersuchungen mit einer Hebamme macht, die man über 9 Monate hinweg immer besser kennen lernt, und sie kommt und legt die Hände auf den Bauch, und tastet regelrecht die Situation ab. Bei einer Hausgeburt hat man auf keinen Fall das Risiko, plötzlich einer wildfremden Person gegenüber zu stehen, für die man nur irgendein Subjekt mit Wehen ist, die vielleicht nur auf CTG und Bildschirm fixiert ist und so am Menschen vorbei agiert. Bei einer Hausgeburt ist alles klar. Man kennt die Hebamme und das Umfeld und ist dadurch ruhig und nicht abgelenkt. Das einzige, was neu sein wird, ist das Kind - und welche Überraschung!! Bei der Geburt im Krankenhaus ist alles unklar. Man ist überreizt und von allem möglichen abgelenkt, auch das Kind. Bei einer Hausgeburt ist man ganz bei der Sache selbst angekommen -beim Kind, ind dem Bett, wo es meist auch entstanden ist.
Dort bleibt man auf jeden Fall 14 Tage lang schön liegen, läßt sich verwöhnen, und kann ganz mit sich und dem Kind die Geburt in aller Ruhe verarbeiten. Man braucht nicht gleich am 3. Tag mit dem Baby eine Reise durch die ganze Stadt, mit all ihren Eindrücken, zu machen.
Ein weiteres Problem ist die Bakteriensituation im Krankenhaus. Das Neugeborene, mit seinem geringen Immunschutz, ist im Krankenhaus agressiven, desinfektionsmittelresistenten Keimen ausgeliefert. Es passiert leicht, dass es sich dort infiziert. Da diese Situation bekannt ist, bekommen die Kinder dort oft beim geringsten Infektionsverdacht, hier und da sogar `rein prophylaktisch´ Antibiotika verabreicht. Das bedeutet oft auch eine Trennung von Mutter und Kind. Wie absurd! Das Kind gehört an Mutters Busen, und sonst nirgendwohin!
Meine Geburten zuhause waren toll - rund und schön. Ich kann nur jeder Frau empfehlen zuhause `niederzukommen´, und sich der Krankenhausmaschinerie zu entziehen! Viele gehen heute ins Geburtshaus. Oft ist ihnen nicht klar, dass eine Geburtshausgeburt nichts anderes ist, als eine Hausgeburt, jedoch in fremden Räumen. Wer Angst hat, sollte an der Angst arbeiten, nicht am Geburtskonzept. Die Wahrscheinlichkeit, dass einem im Krankenhaus eine fremde Person in den ganz persönlichen Geburtsablauf, und damit auch in das Schicksal des Kindes `hineinpfuscht´ist hoch. Schon angefangen mit den häufigen Geburtseinleitungen...
Wir sollten lieber das Vertrauen in uns selbst als Frau, als Urkraft der Evolution, stärken, und auf den richtigen Stern und auf das neue kleine Menschenwesen, das da auf die Erde will, bauen. Dieses Kind, das schon in der Schwangerschaft so greifbar nah ist.
Warum auch Angst? Der Schmerz ist wie die Brandung des Meeres, das Heranrollen der Wellen - und wir sind die Wellenreiter. Irgendwann bricht die Muschel auf (Fruchtblase!) und die Perle tritt ans Licht! ...das sind meine persönlichen Bilder, durch die ich das Gebären im Wasser auch so wesensverwandt finde. Ich könnte mir wirklich vorstellen ein Kind im Meer zu gebären. Das Wasser setzt dem Schmerz der Wehe etwas physisches entgegen. Für mich war es eine Erleichterung, ein Gehaltensein im Wasser. Und dann steigt man als Mutter mit seinem Kind aus dem Wasser und fühlt sich selbst auch wie neugeboren!

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Die Geburt von Marwin

Als ich feststellte, dass ich schwanger war, stand für mich sofort fest, eine Hausgeburt zu haben. Bei der Geburt meines ersten Sohnes 1990  bin ich nach Kalifornien gegangen, weil ich dort eine Hebamme kannte, die Hausgeburten so betreute wie ich es mir vorstellte. Damals habe ich in Deutschland keine Hebamme gefunden, die selbstständig  eine Hausgeburt ohne Absicherung durch einen Arzt durchführen wollte. Damals war ich 22 Jahre alt. Jetzt bei meiner zweiten Schwangerschaft 15 Jahre später stand für mich also sofort fest, eine Hausgeburt haben zu wollen. Im Internet habe ich mich für Ulrike Aulbach entschieden. Schon allein beim Lesen ihres Lebenslaufes war mir klar, sie soll unsere Hebamme sein!!! Beim ersten Treffen einige Monate später, bestätigte sich mein Eindruck. Auch mein Freund fühlte sich von Ulrike kompetent und sorgsam betreut und die Idee der Hausgeburt wurde für ihn immer selbstverständlicher. Hier ist also mein Geburtsbericht:
 
Am Freitag, den 10.03.2006 schneite es sehr, sehr stark und der Schnee blieb sogar liegen! Nach dem Besuch von Hebamme Ulrike, die diagnostizierte, dass das Baby jetzt wirklich geburtsbereit sei, sich aber trotzdem noch nicht mit dem Köpfchen in den Geburtskanal begeben hat und uns rät, es etwas zu stimulieren, geht Göran nicht zur Arbeit und bleibt bei mir. Wir wollen versuchen, die Geburt durch viel spazieren gehen durch den Schnee und durch essen eines Rühreis, das mit Rhizinus-Öl zubereitet wurde, in Gang zu bringen, oder uns zumindest in „Geburtsstimmung“ zu versetzten. Mein Bauch ist so dick, ich kann mich kaum noch bewegen, ich bin schon 10 Tage über den Termin hinaus und möchte dringend wieder Platz haben in meinem Bauch. Seit einer Woche esse ich kaum noch was, habe trotzdem ständig Sodbrennen. Ich habe jeden Abend ordentliche Vorwehen und der Bauch drückt heute besonders stark nach unten. So gehen wir also im Schnee spazieren, machen es uns zu Hause gemütlich. Trotzdem passiert auch heute Abend nichts weiter.
Am Samstag hat Göran sowieso frei, wir fahren nach Altona zum bummeln und einkaufen. Es ist sehr anstrengend für mich und ich will eigentlich nur nach Hause, der Bauch drückt so stark nach unten, ich bin schnell außer Atem und die Füße sind schwer. Ich glaube zu spüren, dass heute Abend das Baby kommt. Will auch trotz Hunger nichts mehr essen.
Abends gegen 20:00, während wir fernsehen, bitte ich Göran meine Wehen aufzuschreiben, die jetzt regelmäßiger als meine sonstigen Vorwehen kommen. Doch sicher bin ich mir nicht, ob das jetzt der Geburtsbeginn ist. Es fühlt sich gar nicht so stark und schmerzhaft an, wie ich es von der Geburt meines ersten Sohnes vor 15 Jahren erinnere. Also, Göran schreibt die Wehen mit und ist ganz aufgeregt, ich bin ganz ruhig. Tatsächlich tun diese Wehen nur ein bisschen weh, ich denke noch, dass es Vorwehen sind. Die Wehen werden regelmäßiger und länger, jedoch nicht intensiver, jetzt glaube auch ich, dass die Geburt wohl begonnen hat und stelle mich darauf ein, morgen Abend oder so zu gebären, da sich die Wehen noch überhaupt nicht stark anfühlen. Gegen 23:00 Uhr gehr ich in die Badewanne, um zu spüren, ob die Wehen zunehmen oder gar wieder weg gehen. In der Wanne höre ich ein seltsames „Plopp“ in mir. Die Fruchtblase ist geplatzt, wie ich eine Minute später auf der Toilette feststelle! Sehr, sehr viel klares Fruchtwasser strömt aus mir heraus. Ich wundere mich über die Menge, es fühlt sich wie einige Liter an. Ich bin ganz aufgeregt, habe etwas Angst, jetzt geht es also wirklich los! Ich klemme mir ein Handtuch zwischen die Beine und gehe zurück aufs Sofa. Göran ist auch ganz aufgeregt und fragt mich ständig, was er machen soll. Ich kann  mich nicht mehr auf ihn konzentrieren und rufe meinen Sohn und meine Mutter an und Sandra, meine Freundin, um ihnen mitzuteilen, dass es jetzt losgeht. Ulrike rufe ich natürlich auch an, sie meint, ich solle mich jetzt entspannen und etwas schlafen. Göran baut das Geburtsbett auf hier im Wohnzimmer. Ich fange stark zu zittern an und wundere mich darüber, habe Decken und Wärmflaschen um mich, obwohl mir gar nicht kalt ist, will noch fernsehen oder Hörspiele hören, will irgendwie „normal“ sein, habe irgendwie Angst vor  der Geburt. Kann aber weder fernsehen, noch Hörspiele hören, muss mich jetzt voll auf die Wehen konzentrieren, die jetzt plötzlich sehr stark werden. Göran fragt ständig, wann er denn die Hebamme rufen soll. Ich kann keine Entscheidung mehr treffen, habe jetzt starke Wehen. Um 00:45 Uhr ruft er Ulrike an, sie kommt. Um 01:45 Uhr ist sie da, sie untersucht mich und sagt, ich sei schon fast vollständig geöffnet. Schnell ruft sie die 2. Hebamme an, sagt Göran, er könne schon die Handtücher in den Ofen tun, das Baby kommt jetzt bald. Ich höre leider nicht auf zu zittern, was mich sehr stört. Ulrike meint, das sei normal während der Geburt….
Die zweite Hebamme kommt 18 Minuten nach dem Anruf von Ulrike. Ich fühle mich sehr sicher und geborgen hier zu Hause mit den beiden Hebammen, ich kann mir nicht vorstellen, in dieser Situation woanders als zu Hause zu sein, alleine die fahrt würde mich schon zu sehr stressen. So kann ich mich völlig gehen lassen und fühle mich sicher.
Ich kann nicht fassen, dass der Muttermund schon fast vollständig geöffnet ist. Bin sehr erleichtert, aber die Wehen kommen in immer kürzeren Abständen und sind sehr, sehr stark und schmerzhaft. Schon muss ich mitpressen!!! Und immer wieder. Ich bin sehr unruhig und finde die richtige Position nicht, ich wechsele andauernd die Position und fühle mich sehr gequält von dem heftigen Schmerz der Wehen, kann noch nicht völlig loslassen und mich dem Schmerz und den Wehen hingeben. Ich jammere und wehre mich gegen den Schmerz, kann die Wehen noch nicht akzeptieren, die werden immer stärker und kommen schneller hintereinander, leider habe ich nur kurze Pausen. Göran versucht sich nützlich zu machen, will mich halten, mich massieren, ich will aber nicht. Ich will nicht angefasst werden, brauche meine gesamte Konzentration für die wehen und kann mich nicht ablenken lassen. Ich werde ungeduldig, mir ist super heiß, ich frage Ulrike immer wieder, warum das baby so lange braucht, ins Becken einzutreten. Ulrike sagt immer ganz ruhig, dass manche Babys halt länger brauchen. Die zweite Hebamme Isabell gähnt sehr viel, was mich ungemein beruhigt, dann scheint ja alles in Ordnung und langweilig zu sein… Göran tut mir leid, er scheint nicht zu wissen, wohin mit sich und wie er mich unterstützen kann.. Ich will gar nichts, nicht massiert werden, überhaupt nicht angefasst werden, aber es tut mir gut, dass er da ist, er muss nichts machen. Ich sorge mich darum, dass ihm mein Geschrei oder Gestöhne zu viel wird. Aber ich kann es nicht ändern, habe heftigste Presswehen. Fange an mich zu sorgen, ob dieses Kind überhaupt durch mich hindurch passt…. Ulrike bleibt weiterhin ruhig und sagt immer wieder, dass manche Kinder halt länger brauchen.
Göran geht in die Küche, ich bin inzwischen wieder auf dem Gebärbett, hänge mal am Seil, mal laufe ich herum, mal Gebärhocker, dann wieder Vierfüßlerstand, knie hin, liege links auf meiner „Lieblingsseite“. Ulrike kontrolliert während einer wehe, wo das Köpfchen ist…und sagt, dass das Köpfchen schon ganz vorne sei und wohl bald kommt!! Es sei schon fast zu sehen! Das freut mich sehr, ich bin unendlich erleichtert, dass die Geburt also doch voran geht und meine schmerzhaften Wehen effektiv sind. Ich spüre das Baby tiefer rutschen, gehe auf Händen und Knien, bitte, dass Göran aus der Küche kommt, ich will ich neben mir haben, wenn unser Baby geboren wird. Ich presse super stark mit, das Köpfchen ist zu sehen, ich presse immer weiter mit, Ulrike sagt mir, ich solle mehr nach hinten „Richtung Po“ pressen. So geht es jetzt viel leichter, ich presse das Köpfchen einfach raus! Der Kopf geboren, genieße ich die Wehenpause, die mir dieses Mal sehr lang vorkommt. Ich spüre, dass sich das Baby bewegt so halb in mir und halb geboren „ruckelt“ es in mir, was sich seltsam anfühlt. Es wackelt so merkwürdig hin und her. Ich kann es sogar hören, es weint, wir hören ein wimmern und eine Art grunzen, seltsame Geräusche. Ungeduldig warte ich auf die nächste Wehe, mindestens eine Minute dauert diese Wehenpause. Endlich kommt die nächste Wehe du ich presse ungeheuerlich doll mit, kralle mich in Görans Arm fest….unser Baby flutscht heraus! Unendliche Erleichterung, unbeschreiblich, sagenhafte Erleichterung. Ich spüre plötzlich wieder ganz viel Platz in meinem Bauch, das fühlt sich gut an. Ich frage, ob es nun ein Junge oder ein Mädchen ist. Ulrike sagt, dass müsse ich schon selber sehen. Ich drehe mich um und gucke nach meinem baby. Ein Junge! So, wie ich ihn mir gewünscht habe!
Es ist Sonntag, 12.03.2006 05:25 Uhr. Ein strahlend schöner, eiskalter, sonniger Tag. Es liegt immer noch viel Schnee.

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Geburtsbericht Kirstin H.

Als ob wir geahnt hätten, was in der nächsten Nacht auf uns zukommt, haben wir uns am Sonntag einen richtig faulen Tag gemacht. Bei schönstem Wetter lagen wir den ganzen Tag auf der Liege im Garten und haben die Seele baumeln lassen. Dabei hatte ich wie schon häufiger vorher leichte Wehen. Das einzige, was mir aufgefallen ist, war die Regelmäßigkeit – immer im Abstand von 20 Minuten. Aber da die Wehen so schwach waren, dass ich sie nicht mal als Schmerz bezeichnen kann, habe ich sie auch nicht weiter beachtet und irgendwann waren sie dann wieder weg.
Abends war dann das EM-Spiel Deutschland – Polen, das wir auch noch in Ruhe ansehen konnten – schließlich hat Deutschland 2:0 gewonnen. Auch währenddessen hatte ich eine zeitlang wieder alle 20 Minuten „Übungswehen“. Anschließend sind wir ins Bett gegangen.
So um 23:10h hatte ich dann wieder eine „Übungswehe“, die ich auch schon stärker wahrgenommen habe. Wieder 20 Minuten später die nächste. Da ich ja inzwischen eine Blase hatte, in die höchstens 5 Tröpfchen passten, wollte ich noch mal auf die Toilette. Nach drei Schritten habe ich dann gemerkt, dass die Fruchtblase geplatzt ist. Mein Mann Lars war gerade am Einschlafen und somit dauerte es etwas, bis er in die Gänge kam, um mir ein Handtuch zu bringen. Damit ging ich dann weiter zur Toilette, wo dann auch der Schleimpfropf abging. Daher war das Fruchtwasser leicht rötlich, aber im Prinzip klar, was mich schon mal sehr beruhigte – dem Baby schien es soweit gut zu gehen. Bevor wir Ulrike anriefen, wollte ich erst mal abwarten, ob ich denn nun „ordentliche“ Wehen bekomme, denn sie hat mir ja vorher geraten bei einem Blasensprung ohne Wehen, mich mit einem Handtuch ins Bett zu legen und versuchen zu schlafen. Na ja, aber an Schlaf war nun wirklich nicht mehr zu denken. Ich lief immer zwischen Schlafzimmer und Badezimmer hin und her. Das ging noch recht gut, da die Wehen noch nicht sehr stark waren. Aber die Wehen wurden stärker und die Abstände kleiner, also rief Lars gegen 0:30h bei Ulrike an, um sie vorzuwarnen. Aber die Wehen kamen mir nicht lang genug vor, nur 45 Sekunden, die Abstände waren dagegen schon bei ca. 5 Minuten. Vielleicht haben wir auch nicht richtig gemessen, aber wir dachten ja auch nicht, dass es so schnell geht, da es ja unser erstes Kind war.
Als nächstes probierte ich aus, wie es in der Badewanne ist. Aber wie ich es vorher schon geahnt hatte, war es nicht das richtige für mich. Mir fehlte irgendwie der Halt, vor allem, da ich die Wehen auch sehr stark im Rücken spürte. Also verließ ich die Badewanne nach nur einer Wehe. Am besten aushalten konnte ich es zu der Zeit auf der Toilette, auch weil ja immer mal wieder ein Schwall Fruchtwasser kam und ich es unangenehm fand, immer diese Nässe zwischen den Beinen zu haben. Außerdem hatte ich das Gefühl, mein Darm wollte sich noch einmal entleeren. Während ich also da saß und ein wenig drückte, hatte ich auf einmal einen unglaublichen Pressdrang. „Irgendwas ist komisch“, meinte ich zu Lars, was ihn dann veranlasste, noch einmal bei Ulrike anzurufen. Mir wurde zur gleichen Zeit aber richtig übel und so saß ich dann erst mal vor dem Klo, musste mich aber zum Glück nicht übergeben. Ich erinnere mich noch an den Satz, den Lars am Telefon sagte: „Wir wollen ja keine falsche Panik verbreiten, aber vielleicht kommst Du ja mal vorbei und guckst nach Kirstin.“ Ich fühlte mich tatsächlich so, als würde ich mich wahnsinnig anstellen, denn schließlich dauert es ja beim ersten Kind nun mal länger als die bisherigen 2 Stunden. Trotzdem war ich sehr froh, als Ulrike da war, auch wenn ich davon ausgegangen bin, dass sie nur kurz guckt und dann wieder nach Hause fährt.
Ich war in der Zwischenzeit auf unser Bett umgezogen, da Lars das Schlafzimmer inzwischen für die Geburt vorbereitet hatte. Bei jeder Wehe klammerte ich mich an den Eimer, den Lars geholt hatte, da mir noch immer schlecht war. Trotzdem kamen mir die Wehen, die ich immer mit einem „Ah“ veratmete, noch nicht lang genug vor. So lag ich dann also auf dem Bett als Ulrike kam, das Kopfende war hochgeklappt. Ich muss eigentlich sehr komisch ausgesehen haben, mit meinem alten knappen Nachthemd, da es ja sehr warm war und den dicken Wollsocken. Ulrike fasste mir auch erst mal an die Füße, was mir unglaublich gut tat (das muss ich mir für die nächste Geburt merken). Nachdem sie mich vorsichtig untersucht hat, stand fest: „Du bist vollständig geöffnet, Du kannst pressen.“ Ich wusste zunächst gar nicht, was ich mir der Information anfangen sollte, also fing ich bei der nächsten Wehe erst mal ganz vorsichtig an zu pressen. Das war eine riesige Erleichterung! Mit dem Pressen waren die Wehen gleich viel besser zu ertragen. Ein paar Wehen habe ich noch auf dem Bett gepresst, aber dann hatte ich das Gefühl mehr tun zu müssen und zu können. Ulrike hat inzwischen den Gebärhocker geholt, Lars hat Kaffee für den Dammschutz aufgesetzt und Handtücher in den Ofen gelegt. Ulrike hat Edith angerufen, dass sie dazukommt und Lars hat den Schlüssel von außen auf die Haustür gesteckt, damit Edith nicht klingeln muss.
Ich setzte mich also auf den Gebärhocker, Lars saß auf dem Bett hinter mir. Meine Hände stützte ich auf seinen Oberschenkeln ab. Jetzt kamen so eine Art Doppel-Wehen. Immer zwei Wehen mit ca. 1 Minute Abstand und dann wieder ein größerer Abstand von mehreren Minuten, in dem ich mich richtig gut entspannen konnte, Zeit hatte, was zu trinken oder mein Gesicht mit dem Waschlappen zu kühlen. Meist lehnte ich mich dabei nach hinten an Lars. Zum ersten Mal dachte ich darüber nach, dass die meisten Frauen zu diesem Zeitpunkt im Krankenhaus sind und wie froh ich war, zu Hause zu sein, nicht loszumüssen und alles so vertraut zu haben.
Irgendwann kam auch Edith dazu und das Pressen verselbständigte sich langsam. Ich musste immer nur am Anfang bewusst pressen und irgendwann kam dann so ein Punkt, den ich überwinden musste und von wo an das Pressen von alleine ging. Da war es dann fast schwieriger aufzuhören als weiter zu pressen. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich gepresst habe, aber es kam mir nicht sehr häufig vor, als schon der Kopf da war. Jetzt konnte ich gar nicht mehr fühlen, wann eine Wehe kam, da die ganze Zeit so ein Druck da war. Ich hatte das Gefühl, ich presste einfach drauf los. Das Baby war noch nicht halb draußen, da schrie es schon. Schließlich war es ganz da und ich konnte es endlich im Arm halten. Ich sah sofort, dass es ein Junge war. Lasse Erik sollte er also heißen. Er war etwas glitschig, aber so süß. Wir legten uns gemeinsam aufs Bett um zu kuscheln. Ich zog noch mein Nachthemd aus und schon waren da warme Handtücher, in die wir uns kuschelten. Lasse schrie erst eine Weile, lies sich aber von meiner Stimme beruhigen. Ein tolles Gefühl. Kurze Zeit später war die Nabelschnur schon auspulsiert und Lars schnitt sie durch. Dass die Plazenta raus kam, habe ich kaum bemerkt. Lasse hielt ich die ganze Zeit in meinen Armen. Ulrike untersuchte die Plazenta und stellte fest, dass sie schon leicht verkalkt war, aber vollständig. Auch die Fruchtblase war zu erkennen. Außerdem war ein Knoten in der Nabelschnur, der sich zum Glück wohl erst bei bzw. nach der Geburt zusammengezogen hat.
Nun hatten wir erst einmal Zeit uns kennen zu lernen. Ulrike und Edith zogen sich zurück und wir drei kuschelten erst mal ausgiebig im Bett miteinander. Lasse war wach und sah mich mit seinen großen runden Kulleraugen an. Ich hatte keine Ahnung wie spät es war, aber draußen wurde es schon wieder hell. Später erfuhr ich, dass Lasse um 3:40h geboren wurde, also gute 4 Stunden nachdem die Fruchtblase geplatzt war. Nachdem wir eine Weile gekuschelt hatten, kamen Ulrike und Edith wieder. Während ich mich im Badezimmer mit Ediths Hilfe abduschte, wurden die ersten Klamotten für Lasse ausgesucht. Zurück im Schlafzimmer hat Ulrike die U1 bei Lasse durchgeführt, ihn gemessen und gewogen und angezogen. Dann konnte ich ihn endlich wieder zu mir legen. Das Stillen hat leider nicht auf Anhieb geklappt und da Lasse leicht unterzuckert war, bekam er erst einmal eine Glukose-Lösung. Ich wurde natürlich auch noch untersucht. Ulrike stellte fest, dass ich oberflächlich ganz leicht am Damm gerissen bin, aber die Wunde verheilte ohne Nähen und ich hatte auch keine Schmerzen. Irgendwann sind Ulrike und Edith dann nach Hause gefahren und wir haben weiter gekuschelt. Ich war so froh in meiner vertrauten Umgebung zu sein, Lars und Lasse bei mir zu haben und in meinem eigenen Bett zu kuscheln.

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